Sascha Buchbinder

flattersatz.info ist das Online-Portfolio des Schweizer Journalisten und Historikers Sascha Buchbinder.

Reportage

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Deutschlands wilder Osten - eine Reise zur Wiege der Revolution

Die Wirtschaftskrise trifft Deutschland im Wahl- und Jubiläumsjahr. Was beschäftigt unsere Nachbarn? Wir bereisen Ostdeutschland, wo die Menschen schon Schlimmeres als eine Wirtschaftskrise erlebt haben.

«Ganz schrecklich war das. Ich wusste nicht, wo ich war. Ich wurde in eine Zelle geführt. Dann dieses Gerassel: Riegel vor, Knochen rum. Ich dachte: ‹Das gibts doch nicht!› Als ob es ein Film ist, den ich schaue. Aber nun war ich eingesperrt. Nach fünf Tagen in der Einzelzelle sind Sie richtig dankbar, wenn Sie zum Verhör geholt werden. Weil Sie endlich wieder einen Menschen sehen.» 36-jährig wurde Sigrid Grünewald 1981 in der DDR zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Ihr Verbrechen? Liebe. Grünewald lebte in Westberlin, verliebte sich aber 1977 bei einem Besuch in Thüringen. Der DDR-Mann und die BRD-Frau wollten im Westen zusammenleben. Weil die legale Ausreise nicht vorankam, beauftragte Grünewald drei Jahre später einen Schlepper. Die Flucht scheiterte an einem Motorschaden, ihr Verlobter kam nicht einmal bis zur Grenze.

Der Schlepperring aber war von Agenten der DDR-Staatssicherheit (Stasi) unterwandert. Bei ihrem nächsten Besuch folgten zwei Wartburgs mit je vier Stasi-Agenten dem Liebespaar. Beim übernächsten Besuch wurde Grünewald verhaftet. «Versuchter staatsfeindlicher Menschenhandel» lautete die Anklage in dem abgekarteten Prozess. Grünewald ist eine Frau, die mit beiden Beinen auf dem Boden steht. Aber die Stasi hat ihr Leben aus der Bahn geworfen. So hat sie bis heute Schlafstörungen. Denn im Gefängnis, nachts in der Zelle, ging 20-, 30-mal das Licht an und aus. Für die Kontrollen. Die Stasi dressierte die Körper ihrer Häftlinge. Noch im Schlaf musste die Achtungstellung eingehalten werden, auf dem Rücken liegend, beide Hände über der Decke, entlang dem Körper.

In Deutschland ist Geschichte nie einfach Vergangenheit, immer auch Gegenwart. Die Kriege, die Jahre der Teilung, die Wiedervereinigung 1989 haben unzähligen Lebensläufen krumme Wege aufgezwungen. Inzwischen lebt Grünewald in einer kleinen, schattigen Wohnung in Berlin- Spandau. Regelmässig fährt sie nach Bautzen, wo sie inhaftiert war. Trifft dort andere Ex-Häftlinge, mit denen sie inzwischen befreundet ist.

Mit dem Glauben zur Revolution

Wenn deutsche Revolutionäre einen Bahnhof besetzen wollten, lösten sie erst eine Bahnsteigkarte, höhnte einst Lenin. Viele Schweizer glauben bis heute, die Deutschen seien obrigkeitshörig. Dabei hatten die hier vor 20 Jahren eine friedliche Revolution. Einer der ersten Revolutionäre von damals ist der Leipziger Pfarrer Christian Führer. Inzwischen ist er, 66-jährig, pensioniert. 66 ist der Mann? Die Augen funkeln, die Haare stehen wild vom Kopf. Er trägt Jeans. Seit 1957 trägt er Jeans. Und ein Jeans-Gilet. Immer. «Das ist praktisch, da muss ich mir morgens keinen Kopf machen, was anziehen.»

Aber das Interessante an Führer ist nicht das Äussere. Der Pfarrer hat massgeblich zum Sturz der DDR beigetragen und dabei Gewaltausbrüche verhindert. Wie viel Renitenz ein Mensch dazu braucht, wie viel Energie in diesem Mann steckt, kann man nach seiner ersten Antwort erahnen: Führer redet 25 Minuten, bevor er zum ersten Mal Luft holt. Aber er monologisiert nicht, sondern fixiert den Zuhörer, nimmt die Fragen vorweg. «Wir hatten einen explodierten Seelsorgefall», erklärt er sein politisches Engagement. Die Menschen brauchten die Kirche. Und sie brauchten sie auf der Strasse. «Ihr seid das Salz der Erde», zitierte er Jesus. Für ihn ist das ein Befehl, der ihn dazu zwingt, als Christ mitten in der Gesellschaft zu arbeiten. Ab 1982 veranstaltete er in der Nikolai-Kirche jeden Montag Friedensgebete. Damit ist lange vor der Zeit der Keim gelegt für die Montagsdemonstrationen, die 1989 die DDR zum Kollaps brachten.

«In den 80er-Jahren hatte ich beinahe Tag und Nacht Angst», erinnert sich Führer. Aber für den Widerstand, für die Revolution habe es ohnehin immer mehr als nur Mut gebraucht. «Mut verbraucht sich. Wenn wir nur Mut und Verstand gehabt hätten, dann hätte es die friedliche Revolution nicht gegeben.» Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Glauben seien entscheidend gewesen. Als Christ in der atheistischen DDR war man Aussenseiter «und befolgte deswegen die beiden dümmsten und bequemsten Lebensregeln nicht, die da heissen: ‹Das machen alle so› und ‹Das war schon immer so›».

Das Irritierendste an Führer: Er hat ausdrücklich keinen Standpunkt. Weil er nicht stehen bleiben, sondern Jesus folgen will. Er ist deshalb nie ganz dort, wo man ihn vermuten würde. 1988 etwa, als er zur Ausreiseberatung in seine Kirche eingeladen hatte, konfrontierte er die Zuhörer mit der Bibelstelle: «Gott, du machst fröhlich, was da lebet im Osten wie im Westen!» Heute sagt er: «Unser Land wird runtergejammert.» Das sagen auch die Wirtschaftsliberalen. Aber Führer sagt zugleich: «Der Markt wuchert wie ein Krebsgeschwür.»

Die Zeit nach der friedlichen Revolution sieht er kritisch: «Alle hatten sich dem materialistischen Atheismus verschrieben. Alle wollten nur noch kaufen. Nichts war mehr gut genug.» Die Menschen hätten sich einem Götzen verschrieben. «Man muss klar sehen, dass wir nur den ersten Teil der Revolution geschafft haben. Wir haben politische Demokratie erreicht.» Jetzt müsse noch ein neues Wirtschaftssystem gefunden werden. «Das Bankensystem hat gerade bewiesen, dass es nicht lebensfähig ist.» Der kleine Mann mit den schalkhaften Augen, in seinem Arbeitszimmer voller Bücher, kennt keinen Feierabend. Auch nicht in Rente. Schon gar nicht in diesem Jahr, wo alle wissen wollen, wie das war, damals im Revolutionsjahr von 89. Neulich war er zu einer Veranstaltung von CEOs führender Unternehmen eingeladen. Die wollten wissen, wie man Entscheidungen fällt in unsicheren Zeiten. Führer grinst. Man kann sich vorstellen, mit welchem Vergnügen der subversive Seelsorger den Managern einbläute: «Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele, seinem Leben?»

Stolz im Osten

Die nächste Station ist Dresden. Ostdeutschland entvölkert sich. Über 1,5 Millionen Menschen sind abgewandert. Vor allem die jungen, gebildeten Frauen stimmen auch nach dem Mauerfall weiter mit den Füssen ab. Einen massiven Männerüberschuss und das Fehlen von 100 000 Kindern haben die Spezialisten des «Berlin Instituts für Bevölkerungsentwicklung» errechnet. In Chemnitz war die Leere an jeder Strassenecke sichtbar. Aber 80 Kilometer weiter ostwärts, in Dresden, ist alles anders.

Dresdens rekonstruierte Altstadt ist ein Touristenmagnet. Und Dresden hat die Neustadt, einen alternativen Stadtteil, der aussieht wie die aufstrebenden Berliner Bezirke noch vor wenigen Jahren. In der Neustadt sind die Strassen voller junger Menschen. Eine dieser Frauen, knallrotes Haar, 23-jährig, heisst Julia Bonk. Sie ist Landtagsabgeordnete der Linkspartei. Vor fünf Jahren wurde sie als jüngste Abgeordnete Deutschlands ins Landesparlament gewählt. Am ersten Sitzungstag erschien sie im T-Shirt: «Schöner Leben ohne Nazis». Ihr Bild war in allen Medien, die Rechtsextremisten im Landtag hatten das Nachsehen.

Bonk will nicht rüber in die alten Bundesländer. Wieso auch? Sie hat etwas zu tun in Dresden. Sie macht Politik, studiert Geschichte und Politologie. Gerade kommt sie von der Uni angehetzt. Wir sitzen im Garten einer alternativen Beiz, sie hält sich ihr Glas mit Kakao an die Wange. Der Weisheitszahn ist frisch operiert. Das Gespräch kommt nicht in Gang. Wegen der Schmerzen? Waren die Fragen nach Demografie, nach der überalterten Linkspartei falsch? Jedenfalls pariert sie so routiniert wie lustlos. Was bleibt, ist ihre Warnung, dass sich alles noch verschärfen könnte: «Gerade in der Krise gibt es derzeit einen Rückschritt. Etwa, was die Beteiligung von Frauen in hohen Ämtern angeht. Im Osten wäre eine gezielte Förderpolitik angemessen, damit die Frauen nicht abwandern.» Sie fordert Frauenquoten in Verwaltung und Wirtschaft. Da war der 40 Jahre ältere Pfarrer wesentlich radikaler.

Nach dem Gespräch queren wir die Elbe. Wir lassen Neustadt und Linkspartei hinter uns, verleben einen bürgerlichen Abend im Zentrum Dresdens. Es geht in die Semperoper. Die meisten Deutschen halten das Gebäude für eine Brauerei. Wegen der TV-Werbung eines Brauers und Sponsors. Aber das Gebäude ist keine Brauerei, sondern eine richtige Oper mit reichlich Lametta. Heute ist Kammerabend. Dominic Oelze und Christian Langer improvisieren mit Marimbafon und Vibrafon zu Porträtfotos einer antiken Schaufensterpuppe. Dann wird ein Trio für Harfe, Kontrabass und Tamtam von Giacinto Scelsi gespielt. Eine entrückte Klangwelt, die da entsteht. Für ein kleines Publikum nur, das aber konzentriert lauscht. Eigenartig, dass einem zu Deutschland immer nur Fussball, Autos und Geschichte einfallen. Wo das Land doch voller Musiksäle ist, wo landauf, landab für engagierte Liebhaber musiziert wird. Nur Finnland übertrifft Deutschland punkto Orchesterdichte.

Das Guantánamo der DDR

Bei strömendem Regen gehts am nächsten Tag weiter nach Bautzen. «Berühmt ist Bautzen vor allem für seine Altstadt mit den vielen Türmen», behauptet Bautzen-Tourismus. Tatsächlich ist die Altstadt malerisch. Aber berühmt ist Bautzen vor allem wegen Bautzen II, des Knasts der Staatssicherheit. Solange es die DDR gab, verfolgte die Stasi Andersdenkende. Die Stasi führte die Ermittlungen, schrieb die Anklage und manchmal sogar das Drehbuch zu den Schauprozessen. Die DDR-Justiz lieferte die politischen Gefangenen der Stasi aus. Der Rechtsstaat war Kulisse, die Stasi konnte ihre Opfer nach Gutdünken drangsalieren.

Bautzen II ist ein enger, kalter Bau voller Gitter, wie man das aus alten Filmen kennt. Winzige Zellen. Türen, als lauerten dahinter wilde Tiere. 1906 eröffnet, wurde Bautzen schon zu Hitlers Zeiten zum stehenden Begriff für politische Verfolgung. Die Stasi übernahm diese Praxis und führte ein striktes Regiment. Bautzen II war der Superlativ des Überwachungsstaats: Häftlinge durften nicht einmal ihre Jacke ohne Befehl ausziehen. Zellen wurden abgehört, die Gefangenen erpresst und geködert, um sie zu Spitzeln zu machen. Die ausgefeilte Paranoia, diese Welt der Willkür und Gitter scheint nichts, aber auch gar nichts gemeinsam zu haben mit der Welt von Sigrid Grünewald. Eine einfache Kauffrau, die uns in ihrer schummrigen Berliner Wohnung Gertrud vorstellt: eine überlebensgrosse Plüschente, die auf ihrem Bett thront. Sie nimmt die Ente, streichelt sie kurz und erinnert sich dabei an bessere Zeiten, als sie ein Haus am Wasser hatte und eine zahme Ente, die ihr bis in die Küche folgte. Unvorstellbar, dass nur wenige Kilometer entfernt bis vor 20 Jahren Menschen wie sie verfolgt und einer Umerziehung unterworfen wurden. Und doch war es so.

Der Endpunkt, der keiner ist

Geschichte bestimmt auch den Alltag in Görlitz. Die Stadt an der Neisse ist seit dem Krieg zweigeteilt. Auf der anderen Flussseite liegt das polnische Zgorzelec. Und die Teilung war mit dem Mauerfall nicht beendet. Immerhin: Da seit letztem Jahr Polen zum Schengenraum gehört, entfällt die Grenzkontrolle. In Görlitz sind an diesem Freitagmittag überall auf der Strasse junge polnische Pärchen beim Einkaufsbummel zu sehen. Leicht zu erkennen, weil nur die Polinnen mit Bleistiftabsätzen über das Kopfsteinpflaster balancieren. Umgekehrt kaufen die Deutschen in Zgorzelec ihre Zigaretten. Langsam kommen sich die beiden Hälften der Stadt wieder näher.

Zum Beispiel im Zwergenhaus, einem deutsch-polnischen Hort und Kindergarten. 44 Görlitzer und 12 Zgorzelecer Knirpse toben gemeinsam durchs Haus. Ein deutsch-polnisches Betreuerteam sorgt zweisprachig für die Kleinen. Eine polnischsprachige Kindergärtnerin hat Kirschen mitgebracht. Ein Dutzend Kinder kauern im Ring am Boden, sagen einen polnischen Reim auf, der von «Zschereschnje» - das müssen die Kirschen sein - handelt, die zum Schluss alle aufgegessen werden. Die Kinder plappern mit, fiebern den Früchten entgegen und scheinen kaum zu beachten, dass sie gerade Polnisch reden. Ein Mädchen, Emilia, bringt mir eine Kirsche. Ich frage, ob sie denn auch polnische Freundinnen habe? Nicken. Die Aufzählung nimmt kein Ende: Pia und Mara und Lara . . .

Ein paar Strassen weiter treffen wir Albrecht Goetze. Goetze war in seinem Leben schon Germanist, Regisseur, Maschinenbauer, Zeitungsverkäufer und Jugendarbeiter. Heute ist er Rentner. Doch das ist alles zweitrangig. Vor allem ist Goetze ein Mann, der innerlich brennt. Es regnet, die Temperaturen sind in dieser Woche von knapp 30 auf 10 Grad gefallen. Trotzdem trägt Goetze ein nur halb zugeknöpftes, leichtes Hemd, Cargohosen, Flipflops und führt uns so hinaus. Es geht auf die polnische Seite, wo im Krieg das Gefangenenlager Stalag VIIIa der Nazis stand. Etwa 10 000 russische Gefangene sind hier verhungert. Das Los der westlichen Gefangenen war ein wenig besser. Hier im Lager schrieb der französische Komponist Olivier Messiaen sein Endzeitstück «Quatuor pour la fin du temps».

Für Goetze war diese Musik der Grund, nach Görlitz zu kommen. Weil Messiaen im Lager ein Kunstwerk erschuf, mit dem er dem Hass, dem Terror entfloh. Letztes Jahr, zum 100. Geburtsjahr Messiaens, wurde das Werk auf dem Gelände aufgeführt. Wie damals im Januar 1941 in einem Zelt, bei bitterer Kälte. Die Zuhörer waren Jugendliche aus Deutschland und Polen. Für sie will Goetze regelmässig solche Veranstaltungen durchführen. Letztes Jahr mit den Warschauer Philharmonikern, dieses Jahr mit der Staatskapelle Dresden und nächstes Jahr mit den Berliner Philharmonikern. «Wir sind nicht nur Döner-Verbrennungsmaschinen. Die Erde erträgt uns Menschen, weil wir zu mehr fähig sind», insistiert er. Kunst halte die Menschen am Leben.

Wir stehen bei diesem Gespräch auf einem Geviert, kleiner als ein Handballfeld, mit einem einzelnen Stein in der Mitte. Ein Grabstein, der daran erinnert, dass unter unseren Füssen die Reste von 10 000 getöteten Russen liegen. Und Goetze? Brennt für die Idee, auf dem Lagergelände den jungen Menschen dank Musik den ursprünglichen Geist des geeinten Europa mitzugeben. So endet diese Deutschlandreise in Polen, auf historischem Boden an der Seite eines Rentners, der die Zukunft fest im Blick hat.

© Sascha Buchbinder, Berlin

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