Sascha Buchbinder

flattersatz.info ist das Online-Portfolio des Schweizer Journalisten und Historikers Sascha Buchbinder.

Artikel

Als Korrespondent in Berlin wollte ich meinen Lesern Deutschland in seiner Vielfalt näher bringen. Deshalb reiste ich, trotz Aktualitätsdruck, möglichst oft, traf mich im ganzen Land mit Menschen. Durch meine Reportagen ergänzte ich die herkömmliche Berichterstattung über institutionelle Politik. Natürlich pflegte ich zugleich in Berlin politische Kontakte. Beispielsweise als Mitglied zweier Hintergrundkreise. Das sind exklusive Gesprächsrunden, in denen Politiker offener als vor laufender Kamera über ihre Ziele und Absichten reden.

Hier einige Beispiele meiner Arbeit gegliedert nach Textformen.

Reportagen

Wirtschaftswunderland ist abgebrannt

Die Wirtschaftskrise trifft Deutschland ausgerechnet im Wahl- und Jubiläumsjahr. Wo steht das Land? Was beschäftigt die Menschen? Wir durchqueren ein Land, in dem vieles nicht mehr ist wie erwartet.

Oft nimmt die Schweiz von Deutschland nur die Klischees wahr. Das Bild vom glatzköpfigen Ausländerhasser, vom Arbeiter mit der Vier-Tage-Woche und Kündigungsschutz, vom arroganten Besserwisser. Doch Deutschland ist anders. Diese Reportagereise führt einmal quer durch die Republik und zeigt das Land in seiner Vielschichtigkeit. Zu Wort kommt ein Revolutionär von 1989, der daran arbeitet, dass die Wirtschaftskrise endlich auch Westdeutschland verändert; aber auch ein westdeutscher CDU-Politiker, der in seiner Stadt die Ausländer abgeschafft hat. Die Reise führt über acht Stationen von Stuttgart im Westen bis Görlitz an der polnischen Grenze. Die zweiteilige Reportage: ein Blick durchs Kaleidoskop auf die deutsche Wirklichkeit 2009.

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Die bayerische Lederhose ist kürzer geworden

Die CSU-Regierung sinkt in Umfragen unter 50 Prozent, ein Jungsozialist, schwul und evangelisch, kegelt einen konservativen Bürgermeister aus dem Amt. Es gärt im Freistaat Bayern.

Es gibt Augenblicke, da verdichten sich die Ereignisse zu einem surrealen Tableau: Neujahrsempfang 2007, Kaisersaal in der bayerischen Staatskanzlei. Auf der Bühne steht eine Behinderten-Kapelle. Die Musiker, klein gewachsen, mit Mondgesichtern, verdrehten Augen. Vor ihnen, doppelt so gross, der hoch aufgeschossene bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber. Seit Tagen fordert ihn die Fürther Landrätin Gabriele Pauli zum Rücktritt auf. 1500 Gäste drängen sich im Saal. Alle wollen dabei sein, beim letzten Empfang Stoibers. Doch der Ministerpräsident gibt Durchhalteparolen aus. «Bleiben Sie, solange Sie wollen», ruft er den Zuhörern zu. Eine Frau stöhnt: «Oh mein Gott!», bricht zusammen. Sanitäter hasten durch den Saal. Ungerührt redet Stoiber weiter. Zugleich meint man, hinter den prächtigen Tapeten ein Rieseln zu hören. Stoibers Macht zerbröselt.

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Analysen

Warum es keinen Spass macht, deutsch zu sein

Unsere Nachbarn haben allen Grund zum Feiern: 60 Jahre Demokratie, 20 Jahre Mauerfall, 2000 Jahre Hermann-Schlacht. Und trotzdem ist das Deutschsein den Deutschen noch immer ein Graus.

Wenn einer 60 wird, den 20. Hochzeitstag feiert und trotzdem das brüchige Selbstbewusstsein eines Teenagers hat – er wäre ein klarer Fall für die Psychocouch. Was aber, wenn die Beschreibung nicht auf einen Einzelnen zutrifft, sondern auf ein ganzes Volk? Am 23. Mai feiert Deutschland Geburtstag: 60 Jahre Grundgesetz, 60 Jahre demokratische Ordnung. Hinzu kommt der 20. Jahrestag des Mauerfalls, eine Art Hochzeitstag der beiden Deutschland, am 9. November. Anlass zur Freude, möchte man meinen. Aber es gibt ein Problem: Den Deutschen ist das Deutschsein ein Graus.

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Zielscheiben im Kampf gegen Terror

Mit islamischen Terroristen lässt sich nicht verhandeln. Aber die Muslime und Araber in Europa haben ein Recht auf eine klügere Politik.

Kaum dass sich der Rauch über den Al-Qaida-Trainingscamps verzogen hat, sickert der Terror durch den Internetanschluss in unsere Städte; Bomben werden in beheizten Wohnzimmern zusammengebastelt. Die Terrorexperten warnen vor einer neuen Generation von Terroristen, vor Nachahmungstätern, die keine langwierige Indoktrination und Ausbildung durchlaufen, die mit Al-Qaida kaum mehr als den Hass gegen den Westen und die wahnhafte Überzeugung teilen, dass wahlloses Töten die Welt zu ihren Gunsten verändern werde. Es droht eine Art Do-it-yourself-Terror, bei dem Sympathisanten, die keine tief gehende, fundamentalistische Schulung durchlaufen haben, die Muster von Al-Qaida-Anschlägen kopieren und ohne Befehl, ohne Steuerung von aussen, zur Tat schreiten könne

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Porträts

Merkels Politik der Pellkartoffel

Die deutsche Kanzlerin war selbst im Provinzkaff Templin, wo sie aufwuchs, eine graue Maus. Inzwischen regiert sie Deutschland und macht die Unscheinbarkeit zur Stärke.

Jedes Kind kennt sie. Trotzdem bleibt sie die Fremde. In den zwanzig Jahren seit dem Mauerfall hat es Angela Merkel ganz an die Spitze geschafft. Sie verfügt über Macht. Und die Deutschen finden: Sie macht ihre Arbeit gut. Trotzdem knirscht ihre Wahlkampfmaschine auf den letzten Metern bedenklich. Im Schlussspurt legt die SPD in Umfragen zu, und die Union sinkt. Warum fremdelt Deutschland mit Merkel? Vielleicht sollte man die Beobachtungen noch einmal neu sortieren, noch mal alles durchdenken. Ganz von vorn.

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Personenkult: Steinmeier

Frank-Walter Steinmeier ist ein Musterdeutscher: Er macht keine Fehler und ist ein bisschen sentimental. Der perfekte Kanzlerkandidat.

Der deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier ist so etwas wie der männliche Merkel: Wie bei Angela Merkel wird einem schwindlig, wenn man die steile Karriere nachzeichnen soll, wie bei Merkel ist sein Zugang zur Politik emotionslos, mechanisch und gemeinsam mit Merkel führt er in Deutschland die Charts der beliebtesten Politiker an.
Vor 2005 war Steinmeier der Schatten von Gerhard Schröder, sein Kanzleramtschef. Er ist ein Chrampfer. Wenn ihm jemand einen Blumenstrauss schenken würde, er würde ihn pressen und abheften, besagt die Legende aus jenen Tagen, als auf seinem Tisch «jeden Morgen ein Haufen Scheisse landete», wie es ein Insider formuliert.

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Interviews

«Der Ideal-Bayer ist der Zugereiste»

In Bayern sind Wahlen, und der Kabarettist Bruno Jonas deutet die Seele seiner Landsleute. Er erklärt, warum der Bayer stoisch aussieht, aber immer in Bewegung bleibt.

Mit Bruno Jonas sprach Sascha Buchbinder

«Mir san mir», sagen die Bayern. Das mag für Bayern schlüssig klingen - nur versteht das leider niemand ausserhalb Bayerns. Wer seid ihr denn?

Die Bayern sind immer alles und auch nichts - könnte man sagen. «Mir san mir» ist ein bayerisches Identitäts-Mantra - für alle, die sich ganz besonders intensiv ihrer selbst vergewissern müssen. Es gibt Bayern, die brauchen das nicht. Die sind bodenständig und einfach stolz drauf, hier geboren und aufgewachsen zu sein, hier leben zu dürfen. Es gibt aber auch die sogenannten «Zuagroasten», die ein typisches Konvertitenverhalten zeigen. Die wollen nicht bloss hundertprozentige Bayern werden, sondern tausendprozentige.

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«Eine harte Nuss ist die neue Unterschicht»

Wüssten die Deutschen, wer sie sind, hätten sie weniger Probleme mit Ausländern, meint Barbara John, die ehemalige Ausländerbeauftragte von Berlin. Sie plädiert für klare Regeln.

Mit Barbara John sprach Sascha Buchbinder in Berlin

Viele Deutsche fürchten sich vor «Gegengesellschaften» im Land. Ist die Integrationspolitik gescheitert?

Gescheitert ist nur die Illusion, dass Menschen, die kulturell um zweihundert Jahre zurück sind - davon müssen wir bei vielen Zuwanderern aus der Osttürkei ausgehen -, diesen Rückstand innerhalb einer Generation aufholen könnten. Die andere, wirklich harte Nuss ist, dass in ganz Europa eine neue soziale Unterschicht entsteht, die sich beschreiben lässt als: zugewandert, arm, ungebildet und arbeitslos.

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Kolumnen / Glossen

Im Energiesparmodus

Früher waren mir Klischees ein Graus. Dann kam ich nach Berlin, genauer ins Führerscheinbüro des Landesamts für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten, und stand mittendrin, im real existierenden Klischee.

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Der Rächer der Postkunden

Der gelbe Riese ist vielen Deutschen ein Hassobjekt. Briefe kommen nicht an, Pakete verschwinden - aber was kann die Post dafür, dass die Welt so schlecht ist?

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Rettet die Personenvereinzelungsanlage!

Während der Sommerpause, als unser aller Aufmerksamkeit vom Wellenschlag vor Mallorca und Sylt eingelullt war, hat sich ungeheuerliches getan. In Bochum rotteten sich Germanisten zusammen, um deutsches Kulturgut auszulöschen. „Amtsdeutsch a. D.“ hieß die Tagung und wurde als vermeintlich innovative Spitzenleistung sogar von der Bundesregierung gefördert.
Hinter „Amtsdeutsch a. D.“ steht eine Verschwörung mit dem Ziel, deutschen Behörden verständliches Deutsch beizubringen.

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Dr. Sascha Buchbinder
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